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Jens Asthoff
Zwischenräume der Realität

Amorphe Auswüchse an Decken und Raumecken entlang, die wie silbern schimmernde Muschelbänke oder wie grotesk vergrößerter Pilzbefall erscheinen. Auf den ersten Blick wirkt das naturhaft – wenn auch nicht unbedingt natürlich. So als sei man durchs Elektronenmikroskop auf eine andere Wahrnehmungsstufe gebeamt, in eine andere Dimension versetzt worden.

Die befremdlichen Gebilde, schön wie ein Korallenriff und zugleich irritierend und bedrohlich wie eine wuchernde Geschwulst oder nistende Aliens, entpuppen sich auf den zweiten Blick als wohlgeformter skulpturaler Wildwuchs aus unzähligen CD-Rohlingen, die dicht und stromlinienartig gefügt in massigen Klumpen aus Bauschaum stecken. Accumulator 3 (2004) ist in ganz verschiedener Hinsicht Ansammlung, Verdichtung, Speicher, Kompression – und über skulpturale Formfragen hinaus auch ein vielfältig assoziatives Raumbild, in dem Sonja Vordermaier organische Erscheinung aus der Verfremdung heraus neu erfindet und mit technoidem Implement besetzt: In diesem Fall die Fantasie einer Kolonie von Datenträgern, die sich zum wuchernd autonomen Speichermedium verkapseln, hermetisch werden und auch überbordend. Es ist ein plastisches Bild vom Wuchern und Wachsen einer unsichtbaren informationellen Vervielfachung von Welt, die sich unkontrolliert und rhizomatisch ausbreitet und von der man doch immer nur Ausläufer zu fassen bekommt. Solche Bildhaftigkeit gerät bei Vordermaier nie erzählerisch, sondern bleibt als Erfindung bewusst auf Ebene der Verknüpfung spezifischer Materialeigenschaften und gesetzter Form, die sich zu überraschenden Synthesen verschränken. In Accumulator 3 etwa sind die Silberscheiben schon durch ihre schiere Masse zugespitzt auf Stofflichkeit, zurückgestuft aufs Materielle: ein Hightech-Produkt, reduziert aufs bloße Glitzerding.
Darin steckt auch die ästhetische Formalisierung von Überfluss. CDs, heute längst Massen- und Wegwerfartikel, sind eben auch latentes Abfallprodukt, das in Accumulator 3 wie ein schillerndes Ornament groß angelegter Verschwendung revitalisiert, man könnte auch sagen: recycelt wird.

In solchen Aspekten ist die Arbeit typisch für Vordermaiers Umgang mit Skulptur und einem darin eingelassenen Bilderfundus insgesamt. Zwar gibt es bei ihr keinen gleich bleibenden äußeren Stil, aber eine durchgängige Art, Skulptur zu denken, Materialität bildhaft zu verwenden und das von Werk zu Werk aufs Neue zu formalisieren. Im weiteren Sinne enthält das tatsächlich die Idee des Recyclings: Vordermaier entwickelt plastische Form aus der verfremdenden Aneignung eines Materials und seines herkömmlichen Verwendungssinns heraus. Übers Mit- und Gegeneinander von Masse und Material baut sie dann Spannungen auf, die von der Skulptur auf ganze Räume hin ausgreifen.

Das trifft bereits auf eine ihrer frühen Installationen zu. Gummiartige, schwarze Stränge, die von einem fixen Punkt her auseinander strebend den Raum durchziehen, ihn wie von innen heraus ausrichten, aber auch durchkreuzen, seitlich unpassierbar machen: Für Slingshot (2003), eine Installation im Hamburger Ausstellungsraum Elektrohaus, konstruierte Vordermaier ein straff gespanntes Katapult aus ineinander verschlauften Fahrradschläuchen. Die Arbeit hielt den gesamten, längs gestreckten Raum in Schach, scheinbar jederzeit bereit, die angestaute Bewegungsenergie freizusetzen.

Über solche Strategien der Verfremdung verbindet Vordermaier die Werke auch mit dem gegebenen Ort. Anlässlich der von Rik Reinking kuratierten Schau Sculpture@CityNord, einer Ausstellung zu Kunst im öffentlichen Raum, entwickelte sie den Nordlüster (2006): Eine der Straßenlaternen, die den Weg durchs Parkgelände in der Hamburger City Nord säumen, hat sie dafür mit einem komplex und asymmetrisch strukturierten Geflecht aus Bleikristallen überzogen. Die an diesem Ort irritierend barocke Pracht steht in schillerndem Kontrast zum funktionalen und mittlerweile ziemlich abgehalfterten 70er-Jahre-Modernismus, der die Bürostadt prägt. Die irreguläre Gestalt des kristallinen Exoten jedenfalls folgt einer offensichtlich anderen Logik – und verbündet sich in all seiner künstlich-schönen Feierlichkeit formal wie inhaltlich mit Formen der Natur. Erst auf den zweiten Blick entdeckt man, dass das Werk auch die Basis für exemplarische Besiedelung abgibt: Vordermaier setzte vor Ort eine Vielzahl von Spinnen aus, die zwischen den Kristallschnüren ihre Netze woben. Vom Licht angelockte Motten und Mücken waren willkommene Zugabe und Teil des Werks. „Zwei unterschiedliche Arten von Beute,“ so Vordermaier, „verfangen sich im funkelnden Gespinst: der Insektenflug und der Blick des Betrachters.“ Schönheitsfalle und Naturattrappe.

Darin steckt auch ein Aspekt des Versteckten, die Tatsache, dass sich hinter dem ersten Anschein oft noch ein zweiter, ungesehener Zusammenhang auftut, und auch dies ist typisch für Vordermaiers Auffassung von Skulptur. Generell interessiert sie das plastische Arbeiten an Negativität. In vielen ihrer Werke geht es um Unsichtbares, um schwarze Löcher, doppelte Böden, um verborgene und akkumulierte Energien oder elektromagnetische Felder. Oder, wie jetzt in Mannheim, um die skulpturale Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Schattens: Erstmals entwickelt sie hier Skulpturen in Gestalt von „herrenlosen Schatten“, die sie „in ihrer Windung aus dem Immateriellen ins Dreidimensionale“ aufspüren und festhalten will.

In den Kontext unsichtbarer Kräfte und Signale gehört auch Teslasmog (2006): Die frei im Raum hängende, wie schwebend erscheinende Skulptur lässt auf Anhieb an metallenes Astwerk denken, auch an Satelliten oder Weltraum-Trash. Sie strahlt einen eigenartigen Zauber aus, auch wenn sie sogleich als reichlich lapidares Gitterwerk aus altgedienten TV-Antennen zu entschlüsseln ist. Auch hier arbeitet Vordermaier mit ästhetischem Recycling einer heute längst antiquierten Hochtechnologie. Die Verzweigungen des Antennenflechtwerks sind von eigenartigem Bewuchs befallen, der an bemooste Zweige, an metallenes Fell oder an kleine Kolonien büschelweise siedelnder Lebensformen denken lässt: Tatsächlich hat Vordermaier die filigrane Plastik mit dichten, magnetisch gehaltenen Nestern aus Nagelstiften und feinen Eisenspänen übersät. Ein Bewuchs, der unsichtbare Kräfte nutzt und sichtbar macht und die Skulptur ins Erscheinungsbild einer fremden Naturhaftigkeit verschiebt.

Das Interesse am physisch Hybriden entwickelt Vordermaier auch auf fotografischer Ebene. Während die frühe Fotoreihe Strange Order (2003) wortwörtlich Meta-Physisches noch direkt aus der „ersten Realität“ fischt, erarbeitet sie neuere Bilder durchweg als minutiöse Digitalcollagen, in denen die gewohnte Wirklichkeit überraschende Brüche erfährt und regelrechte Abgründe offenbart. „Bildhauerei mit Photoshop“ nannte sie das einmal, wenn sie in Landschaftsfotos räumliche Fiktion einschleust und diese so vielschichtig mit der Landschaft verbindet, dass sie letztlich kaum mehr von ihr abzuheben ist. Auch darin fällt der Blick dann auf hybride Wirklichkeiten, auf Zwischenräume der Realität.